Notengebung:
Wie steht ILEB dazu?
Was ist ILEB?
In der Sonderpädagogik gibt es seit einigen Jahren – wohl seit 2013 – offiziell ILEB, die individuelle Lern- und Entwicklungsbegleitung. Diese erhalten alle Schülerinnen und Schüler mit einem festgestellten Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot. Das bedeutet, dass diese spezielle Förderung unabhängig vom Lernort, also inklusiv beschulten Schülerinnen und Schülern sowie denen, die an einem SBBZ unterrichtetet werden, zuteil wird.[1] Alle anderen Schülerinnen und Schüler der allgemeinen Schulen sind außen vor.
Ziele des Blogs
In diesem Blog wird aufgezeigt, wie eine Leistungsfeststellung passieren kann, wenn man ILEB zugrunde legt – es geht hier weniger um Noten als viel mehr um einen kompetenzorientierten Prozess, der den individuellen Entwicklungsverlauf von Schülerinnen und Schülern mit besonderem Förderbedarf erfasst und dokumentiert. Es wird auf die Ziele von ILEB eingegangen und auch Gründe für die Sinnhaftigkeit von ILEB genannt.
Welche Ziele verfolgt ILEB?
Durch ILEB soll es den Schülerinnen und Schülern mit Einschränkungen möglich sein, an der Gesellschaft aktiv teilzunehmen und ein Bestandteil dieser zu sein. Es geht darum den Umgang mit anderen einzuüben, Identität und Selbstbild zu entwickeln, Mobilität zu fördern und die Schülerinnen und Schüler auf eine selbstständige Lebensführung vorzubereiten[2]. ILEB umfasst einige Bereiche – auch die individuelle Leistungsfeststellung (siehe Schaubild unten).

Schaubild, was ILEB umfasst[3]
Quelle: Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 6
ILEB ist ein äußerst wichtiges sonderpädagogisches Thema. Es soll in diesem Blog jedoch nur der Bereich der Leistungsfeststellung näher beleuchtet werden.
ILEB und die etwas andere Leistungsfeststellung
Die Leistungsfeststellung im Rahmen von ILEB dient als diagnostisches Instrument, um an der Testung ablesen zu können, ob durchgeführte Maßnahmen erfolgreich waren. Weitere Planungen bauen auf den gewonnenen Informationen auf. Es geht darum, die Lernprozesse erfolgreich zu optimieren, sodass sie sowie der Kompetenzerwerb ermöglicht werden.[4]
Die erbrachte Leistung ist kontextabhängig von der Lebenswelt der Schülerin / des Schülers und muss deshalb in diesem Rahmen wahrgenommen, kontrolliert und bewertet werden. Als Beispiel wird angeführt, dass ein Schüler seine Fähigkeit, Gespräche zu führen, mit ihm bekannten Personen anders gestaltet, als wenn er diese Personen nicht kennt.[5] Im Kontext von ILEB ist „Leistung als Ausdruck von Individualität und Entwicklung zu verstehen[6]“. Bei ILEB gilt der dynamische Leistungsprozess, der wandelbar und abhängig von gesellschaftlichen Werten, politischer Einflussnahme und u. a. technischen Innovationen ist. Deshalb kann die erbrachte Leistung nur im individuellen Kontext beurteilt werden – ihr angestrebter Wert ist zwar bestimmbar, aber nicht im Voraus allgemein vorhersagbar. Hier handelt es sich um ein diagnostisches Verständnis der Leistungsbeurteilung. Aus diesem Grund kann eine individuelle Leistung oder auch die Fähigkeit dazu erst im Nachgang rekonstruiert und festgelegt werden.[7]
Es gibt drei übergeordnete Ziele von Leistungsfeststellung in sonderpädagogischen Arbeitszusammenhängen. Erstens soll der Unterricht evaluiert werden, zweitens geht es um die Individualisierung von Bildungsangeboten und drittens soll die Leistungsfeststellung Impulse für die Schulentwicklung geben. Dabei geht es vor allem um die Weiterentwicklung und Optimierung von individuellen Angeboten sowie die der in dem Setting arbeitenden Lehrkräfte (in Bezug auf Unterricht, eine professionelle Lern- und Entwicklungsbegleitung sowie Diagnosefähigkeiten) als auch eine Fortschreibung der Bildungsangebote im Schulcurriculum.[8]
Wie vielseitig Leistungsfeststellungen sein können, ist hier aufgelistet:[

Quelle: Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 34
Aus meiner Sicht gibt es Leistungsfeststellungen, die an allgemeinen Schulen vorgenommen werden und darüber hinaus welche, die typisch für das Arbeiten in der Inklusion und am SBBZ sind:
Leistungsfeststellungen an allgemeinen Schulen und an Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren:
- Klassenarbeiten werden im Klassenverband geschrieben und geben Aufschluss darüber, wie gut man Inhalte verstanden hat und wiedergeben kann. Dabei wird die eigene Leistung in Bezug zu den Leistungen der Mitschülerinnen und Mitschüler gesetzt.
- Lerntagebuch und Lernportfolio informieren in einem Prozess über den persönlichen Erkenntniszugewinn während an einer (Projekt)Aufgabe gearbeitet wird.
- Diagnose- und Vergleichsarbeiten sind standardisierte Tests, die wegen der Qualitätssicherung und Unterrichtsentwicklung an den Schulen durchgeführt und nicht bewertet werden.
- Eine Fehleranalyse ist immer sinnvoll, deshalb gehe ich davon aus, dass sie auch an allgemeinen Schulen stattfindet. Denn aus Fehlern lernt man bekanntlich, was die Analyse sehr wertvoll für das weitere Arbeiten macht.
Neben den oben genannten Leistungsfeststellungen gibt es noch welche, die – soweit mir bekannt – spezifisch für die Sonderpädagogik sind.
Leistungsfeststellungen bzw. Diagnoseinstrumente speziell in Inklusion und am SBBZ sind:
- Entwicklungsspiegel oder Entwicklungsberichte werden u. a. angefertigt, um den Entwicklungsstand einer Schülerin / eines Schülers zu dokumentieren oder auch den Förderbedarf festzustellen.
- Lerngespräche bzw. Förderplangespräche befassen sich zwei Mal im Jahr mit (bisher erreichten) Zielen, Stärken und Schwächen der Schülerin / des Schülers. Gemeinsam mit ihr / ihm und den Eltern finden die Gespräche im (multidisziplinären) schulischen Team statt.
- Erprobungssituationen, Beobachtungsbögen und Kompetenzanalysen sind mir bisher nur in der Sonderpädagogik bekannt und dienen der Diagnostik.

Quelle: Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 34
An diesem Schaubild lässt sich erkennen, wie vielseitig die Ziele und die Arten der Leistungsfeststellungen sowie -beschreibungen bei Schülerinnen und Schülern mit einem sonderpädagogischem Bildungsanspruch sind.
„Auf der Grundlage der prozesshaft und dialogisch angelegten sonderpädagogischen Diagnostik und der kooperativen Bildungsplanung werden unterrichtliche und außerunterrichtliche Bildungsangebote geplant, durchgeführt und reflektiert. Diese können in individualisierter Form, im Unterricht, in einer Lerngruppe, aber auch innerhalb des Schullebens für die gesamte Schülerschaft umgesetzt werden.[9]“ Die Diagnoseinstrumente ermöglichen ein umfangreiches Bild einer Schülerin / eines Schülers zu zeichnen und darauf aufbauend die passenden schulischen Maßnahmen zu ihrer / seiner Förderung bzw. Weiterentwicklung zu treffen. Noten sind in diesem Fall zweitranging, weil es in erster Linie um den Erwerb spezifischer Kompetenzen und die Steigerung der Aktivität und Teilhabe der Schülerinnen und Schüler geht.
Zusammenfassung und Schlussfolgerung
Es ist toll, dass es ILEB gibt, denn so wird man den Schülerinnen und Schülern mit einem sonderpädagogischen Bildungsanspruch im Schulleben gerecht. ILEB gibt es in Baden-Württemberg bisher (verpflichtend) jedoch nur für diese besondere Schülerschaft. Bestimmt gibt es allerdings auch Schülerinnen und Schüler ohne den sonderpädagogischen Bildungsanspruch, die mehr gesellschaftliche Aktivität und Teilhabe erleben sollten. Deshalb wäre es sicherlich für alle Schülerinnen und Schüler begrüßenswert, wenn sie eine engmaschigere schulische Betreuung, die sich neben dem Leistungsstand auch für die persönlichen Stärken interessiert und gemeinsam mit ihnen an den Schwächen bzw. dem Kompetenzerwerb arbeiten möchte, hätten. Eine individuelle Leistungsfeststellung würde Schülerinnen und Schüler motivieren, mehr in der Schule zu arbeiten. Zudem wäre es für die unterrichtenden Lehrkräfte aufschlussreich, wenn sie detailliertere Informationen über die Schülerin / den Schüler in Gesprächen hätten und sie / ihn dadurch viel besser einschätzen könnten. Die Beziehung zueinander würde dadurch zudem intensiviert werden. Flächendeckendes ILEB an allen deutschen Schulen würde schließlich große Mengen an personellen Ressourcen bündeln, was aus diesem Grund vermutlich nicht umsetzbar ist.
Kleine Anekdote: Meine Tochter hat es innerhalb eines halben Schuljahres geschafft, in Physik von einer 5- auf eine 4- im Zeugnis zu kommen. Unter ILEB-Bedingungen hätte sie für ihr Arbeiten vermutlich eine 2,0 erhalten. Sie hat es in dieser kurzen Zeit geschafft, ihr Zeitmanagement zu optimieren und Hilfe in der Auseinandersetzung mit den schulischen Inhalten einzufordern. Darüber hinaus hat sie ihr Lernen verbessert und es fertig gebracht, sich für Themen zu interessieren und sie zu verstehen, was ihr im ersten Halbjahr nicht möglich war. Natürlich war dazu u. a. ein kontinuierlicher Austausch zwischen den Lehrkräften und uns Eltern notwendig.
ILEB ist wohlwollender gegenüber Schülerinnen und Schülern, denn das Konzept ist am Individuum mit seinen Lernprozessen orientiert. Eine Schülerin / Ein Schüler wird mit dem sonderpädagogischen Blick intensiver durchleuchtet als an einer allgemeinen Schule. Es geht um den Lernprozess und nicht nur um dessen Ergebnis.
Eine zieldifferente Leistungsfeststellung, wie sie bei ILEB vorgenommen wird, lässt wenig bis keine Vergleichbarkeit von Leistungen zu, da es sich um individuell erteilte Aufgabenstellungen sowie individuell beurteilte Leistungen handelt. Eine Vergleichbarkeit mit den Leistungen anderer Bewerberinnen und Bewerber ist für Ausbildungsbetriebe so nicht gegeben. Jedoch ergreifen Schülerinnen und Schüler mit einer zieldifferenten Leistungsfeststellung eher in einem geschützten Rahmen eine Ausbildung – wie beispielsweise in einem Berufsbildungswerk (BBW) – als auf dem ersten Arbeitsmarkt.
Fußnoten:
[1] Vgl. Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 4 (Vorwort)
[2] Vgl. Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 4f. (Vorwort)
[3] Vgl. Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 6
4] Vgl. Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 31
[5] Vgl. Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 31
[6] Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 31
[7] Vgl. Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 32
[8] Vgl. Landesinstitut für Schulentwicklung 2013, S. 32f.
[9] Bildungsplan GENT und Lernen, Einführung 3.2.1
Quellen
Landesinstitut für Schulentwicklung. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. Baden-Württemberg (2013): Allgemeine Pädagogik. Frühkindliche und schulische Bildung von jungen Menschen mit Behinderung in Baden-Württemberg - Grundlagen und Handlungsempfehlungen. Individuelle Lern- und Entwicklungsbegleitung. Stuttgart
Bildungsplan GENT (Einführung): https://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2022BW/SOP/GENT/TEIL-A/EINF, entnommen am 08.09.2025
Bildungsplan Lernen (Einführung): https://www.bildungsplaene-bw.de/,Lde/LS/BP2022BW/SOP/LERNEN/TEIL-A/EINF, entnommen am 08.09.2025
Internet
Landesinstitut für Schulentwicklung (siehe oben): https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/schularten/sonderpaedagogische-bildung/unterricht_materialien_medien/handreichungen/handreichungreihe-fruehkindliche-schulische-bildung/individuelle_lern_und_entwicklungsbegleitung_ileb.html, entnommen am 27.08.2025
Weiterführende Informationen
Webbasierte Sonderpädagogische Diagnostik: https://wsd-bw.de/doku.php?id=wsd:grundlagen:sonderpaedagogisches_handeln_ileb, entnommen am 27.08.2025
Baden-Württemberg Ministerium für Kultus, Jugend und Sport: Elterninfo zum Schulanfang 2025 IN: https://km.baden-wuerttemberg.de/fileadmin/redaktion/m-km/intern/PDF/Publikationen/Grundschule/Elterninfo_2025_bf_web.pdf, entnommen am 27.08.2025
Zieldifferenter Unterricht (Schulamt Mannheim): https://ma.schulamt-bw.de/,Lde/Startseite/Themen+_+Schularten/Zieldifferenter+Unterricht#:~:text=Die%20Leistungsbewertung%20für%20Schülerinnen%20und%20Schüler%2C%20die,des%20Bildungsplans%20für%20den%20jeweils%20festgelegten%20Förderschwerpunkt, entnommen am 27.08.2025