Notengebung: Muss das sein?
Notengebung: Eine Schattenseite des Lehrerberufs
In den Zeugnissen erhalten die Schülerinnen und Schüler meist ab der 3. Klasse Ziffernoten von 1 bis 6, die u. a. aus Arbeiten, Tests, Hausaufgaben, Präsentationen sowie mündlichen Noten ermittelt wurden. Note 1 ist die beste Note, die man erhalten kann, Note 6 die schlechteste[1]. Durch diese Zahlen wird ausgedrückt, wie leistungsstark eine Schülerin / ein Schüler nach dem Eindruck der sie / ihn unterrichtenden Lehrkraft in dem Unterrichtsfach war.
Basierend auf der Wahrnehmung einer Lehrkraft werden von ihr die Noten festgelegt, was dazu führen kann, dass sich Schülerinnen und Schüler unfair behandelt fühlen können.
Mein Sohn beschwerte sich in der sechsten Klasse immer wieder, dass seine rege mündliche Mitarbeit im Fach Mathematik mit der Note 3 bewertet wurde – sein Mitschüler, der sich nicht meldete und nicht sprach, jedoch eine 1 erhielt. Ich vermute, dass der Mitschüler im schriftlichen Bereich äußerst stark war und deshalb eine sehr gute mündliche Note bekam. Die Beweggründe für die Benotung der Lehrkraft sind für mich als Mutter nicht nachvollziehbar – zudem weiß ich nicht, ob die Selbstwahrnehmung meines Sohnes objektiv ist.
Folglich ist das Erteilen von Noten eine schwierige Aufgabe, die von Faktoren abhängen, die nicht umfassend greifbar sind – schon gar nicht für Außenstehende. Noten sind oft Diskussionsgrundlage in Elterngesprächen. Deshalb ist es wichtig und zudem gesetzlich vorgeschrieben[2], dass man die Notenbildung bzw. die -gewichtung in Fächern vor Unterrichtsbeginn bekanntgibt und somit die Bewertungskriterien offenlegt, anhand derer dann auch eine erteilte Zeugnisnote Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern begründet werden kann.
Das Erteilen von Noten ist für mich eine äußerst unliebsame Aufgabe, denn ich möchte gerecht bewerten, schaffe das aber sicherlich nicht vollumfänglich. Am liebsten wäre es mir, keine Noten erteilen zu müssen.
Ziele des Blogs
In diesem Blog wird aufgezeigt, wie man zur Berechnung einer Note aufgrund einer erreichten Punktzahl kommen kann. Es werden einige Herausforderungen und Diskussionen über die Notenvergabe im Allgemeinen kurz dargestellt werden – z. B. den Zusammenhang zwischen Noten und Lernen und ob verbale Beurteilungen besser als das Erteilen von Ziffernoten sind. Zudem werden die Funktionen von Noten beleuchtet.
Notengebung per Formel - wie viel Punkte ist etwas wert?
Von meiner Kollegin habe ich vor vielen Jahren eine Formel zum Errechnen der Note erhalten, die allgemeingültig und überall anwendbar ist, wo man mit Punkten arbeitet.
Sie lautet:
Erreichte Punktezahl mal 5 geteilt durch die Gesamtpunktzahl minus 6 mal (-1)
Beispiel:
Erreichte Punktzahl: 15 von maximaler Punktzahl: 20
[(15 * 5): 20] - 6 [* (- 1)] = 2,25
Hat man in einem Test 15 Punkte von 20 Punkten erreicht, erhält man bei mir die Note 2,3.[3]
Man kann allerdings die Note nur errechnen, wenn man vorher für verschiedene Aufgaben Punkte festgelegt hat. Die Punktevergabe hat es in sich, denn man muss sich im Klaren darüber sein, welche Aufgaben man wie gewichtet – z. B. Transferleistungen erhalten eine höhere Punktzahl als die Aufgaben, bei denen lediglich Wissen abgerufen werden muss.
Mit der Punktevergabe „manipuliert“ man das Ergebnis bzw. die Note. Darüber werde ich mir oft bewusst, wenn ich während der Korrektur einer Arbeit merke, dass meine Punktevergabe nicht perfekt ist. Oft habe ich einfache Aufgaben im Gegensatz zu Transferaufgaben zu hoch bepunktet. Es würde in dem Fall naheliegen, die Bepunktung im Nachhinein zu verändern, aber das ist aus meiner Sicht ein No-go, da die Schülerinnen und Schüler während der Arbeit bereits wussten, welche Aufgabe wie viele Punkte hat und dementsprechend die Aufgaben bearbeitet haben. Eine Festlegung der Bepunktung während man sie korrigiert, halte ich für intransparent und nicht fair.
Aussage von Noten
Barbara Kerbel gibt in ihrem Aufsatz zu bedenken, dass Kritiker behaupten, dass eine Note nicht unbedingt das wiederspiegele, was Schülerinnen und Schüler wirklich beherrschen. Da die Berechnung der Gesamtnote aus verschiedenen Teilleistungen besteht, lässt sich aus der Note nicht konkret herauslesen, wo Schülerinnen und Schüler Stärken sowie Schwächen haben.[4] Wenn beispielsweise eine Schülerin den Praktikumsbericht ungenügend bearbeitet, über ihr Praktikum eine sehr gute Präsentation gehalten hat und im mündlichen Bereich zwischen befriedigend und gut steht, sieht man im Endeffekt lediglich, dass sie in BOSS die Note gut erhält, weil sie die ungenügende Note mit besseren Noten ausgleichen konnte. Natürlich spielt hier auch die Gewichtung der Teilleistungen eine große Rolle. Man sieht anhand des Beispiels, dass meines Erachtens die Kritiker Recht haben: einer Note kann man keine konkreten Informationen entnehmen, sie gibt lediglich einen groben Wert über die gezeigte durchschnittliche Gesamtleistung an.
In Kerbers Artikel wird darüber hinaus die Frage gestellt, ob Noten den tatsächlichen Wissensstand in einem Fach erfassen[5]. Fraglich ist auch, inwieweit der Kompetenzerwerb der Schülerinnen und Schüler in der Benotung Berücksichtigung findet. Dabei handelt es sich nicht nur um die Aneignung von Wissen, sondern auch die von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die sich z. B. durch ein erlerntes Verhalten zeigen, das sich weder schriftlich noch mündlich greifbar transparent bewerten lässt.
Meiner Ansicht nach beurteilt man im Unterricht einen geringen Teil dessen, was eine Schülerpersönlichkeit mit ihren Talenten ausmacht. Bereits die vom Staat festgelegten Themen geben vor, was gelernt und gelehrt werden soll. Neben der Lehrkraft, die nicht immer alle Schülerinnen und Schüler in „ihren Bann ziehen“ kann, sind es auch die zu vermittelten Inhalte, die nicht allen in der Klasse liegen. Die Schülerinnen und Schüler mit einem geringen Verständnis bzw. Vorwissen oder Interesse für ein Thema werden eine schlechte Note erhalten, obwohl sie pfiffig sind.
Beispielsweise hat mein Sohn im Fach Mathematik im 6. Schuljahr im Zeugnis die Note 4. Dass er riesengroße Legotechnik-Bausätze, die eigentlich erst für Jugendliche ab 14 Jahren empfohlen werden, schon seit einigen Jahren alleine in zwei Tagen aufbauen kann, findet in der Schule keine Berücksichtigung.
Das staatliche Schulsystem ist, wie es ist. Es gibt Kinder, die in dieses wunderbar passen und andere eben nicht, deshalb sind die „nicht-passenden“ Kinder allerdings nicht automatisch weniger intelligent oder begabt – sie entsprechen einfach nur nicht dem System.
Lernen für das Leben, nicht für die Noten!
Wenn ich das Lernen meiner Oma, die in den 1930er-Jahren zur Schule ging und das meiner Eltern, die in den 1950er Jahren zur Schule gingen, mit meinem Lernen in den 1990-er Jahren und dem meiner Kinder in den 2010-er Jahren bis heute vergleiche, fällt mir auf, dass Veränderungen stattgefunden haben. Während meine Oma und meine Eltern viel auswendig gelernt haben, war das bei mir schon um einiges weniger und ist heute eher eine Methode der Grundschule, wenn es um das Aufsagen von Gedichten geht.
Für Transferleistungen müssen meines Erachtens bestimmte Inhalte gewusst werden. In diesem Fall ist es von Vorteil, wenn man die Inhalte präsent im Kopf hat. Zudem setzt sich das Wissen beim Auswendiglernen und immer wieder Wiederholen im Langzeitgedächtnis fest. Während meine Oma bis ins hohe Alter Lieder und Gedichte aus der „Volksschule“ aufsagen konnte, ist mir das mit Inhalten aus meiner Schulzeit nicht möglich – meinen Kindern auch nicht, obwohl sie noch nicht so lange die Grundschule verlassen haben.
Heute müssen die Klassenarbeiten mindestens eine Woche zuvor angekündigt werden. Zudem dürfen nicht mehr als eine Arbeit am Tag und drei Arbeiten in der Woche geschrieben werden.[6] Das bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler für die Arbeit lernen und das Wissen nicht im Langzeitgedächtnis gespeichert wird. Spätestens vier Wochen nach einer geschriebenen Arbeit werden sie ihr Wissen nicht mehr vollständig abrufen können. Folglich wird vor allem für gute Noten gelernt, aber nicht unbedingt für einen persönlichen Wissenszuwachs, auf den man in späteren Jahren noch zurückgreifen kann.
Meine Eltern wussten nicht, wann die nächste Arbeit geschrieben wird und waren dementsprechend inhaltlich „immer am Ball“. So haben sich die Inhalte in ihrem Langzeitgedächtnis etablieren können. Natürlich mussten auch sie Transferaufgaben leisten.
Irgendwo habe ich vor einiger Zeit gelesen, dass es sinnvoll wäre, ein Thema durchzunehmen, dann ein weiteres zu besprechen und anschließend über das erste Thema eine Arbeit zu schreiben. Auf diese Weise wären die Schülerinnen und Schüler gezwungen, die vergangenen Inhalt weiterhin zu wiederholen und zu festigen. Für das Langzeitgedächtnis wäre dies sicherlich eine sinnvolle Sache. Ich würde mich das Vorgehen in meinen Unterrichtsfächern nicht trauen, da diese Methode vermutlich einiges an Unverständnis und Diskussionspotential bei Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern hervorrufen würde. Deshalb müsste sie von der Schulleitung sowie dem Fachschaftskollegium getragen werden.
Die Frage, wieso wir rechtliche Bestimmungen für den Unterricht haben, die das Arbeiten des Langzeitgedächtnisses nicht fördert, kann ich nicht beantworten. Vermutlich möchte man dadurch den Schülerinnen und Schülern Stress ersparen und ihnen beim Lernen entgegenkommen.
Durch die zur Verfügung stehende Digitalität verändert sich das Lernen sowie der Umgang mit Informationen. Es kommen immer neue Inhalte aus diesem Bereich hinzu, zudem wandeln sie sich immer wieder. Digitale Inhalte auswendig zu lernen, macht deshalb wenig Sinn. Hier ist das Beherrschen von Methoden zielführender.
Im Gegensatz dazu wird es Inhalte geben, die sich auch durch den Einsatz der KI nicht ändern – u. a. physikalische, chemische, mathematische Gesetze, Aufbau eines Bewerbungsanschreibens oder der eines Protokolls. Diese Kenntnisse sollte man weiterhin im Langzeitgedächtnis speichern.
Bewertungen ohne Noten
Es gibt Schulen (u. a. Walldorfschulen, reformpädagogische Schulen und Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg), die bis zur 9. Klasse auf das Erteilen von Noten verzichten. Zur Einschätzung der Leistungen werden u. a. Portfolios, Präsentationen sowie Entwicklungsgespräche herangezogen.[7] Statt der Ziffernoten gibt es schriftliche verbale Beurteilungen. Doch das Formulieren fällt nicht jeder Lehrkraft leicht, zudem sollte sie sich auf das Wesentliche beschränken.
Da nicht nur das Erstellen, sondern auch das Lesen der schriftlichen Beurteilungen viel Zeit in Anspruch nimmt und trotzdem keine richtige Vergleichbarkeit mehrerer Bewerber bietet, sind Noten weiterhin das effizienteste Kriterium für Betriebe und Universitäten[8].
Komplett ohne Ziffernoten kommen die Schulen jedoch nicht aus, denn die Abschlüsse enthalten Noten, auch wenn es in den darunterliegenden Klassenstufen keine gab. In diesem Fall müssen sich die Schülerinnen und Schüler kurz vor dem Abschluss damit arrangieren, dass es Noten gibt, deren Entstehungsprozesse sie vorher gar nicht kannten bzw. mit denen sie nicht „groß geworden“ sind.
Zusammenfassung und Schlussfolgerung
Braucht man heute noch Noten? Irgendetwas über die Leistungen in einem Fach sagen sie aus, auch wenn man nicht genau weiß, welche erbrachten Leistungen sich dahinter verbergen. Da Unterricht unterschiedlich abläuft und die Maßstäbe der Lehrkräfte in einem Unterrichtsfach vielfältig sind, lassen sich die Noten außerhalb eines Klassenverbandes schwer miteinander vergleichen. Einigen – meist kleinen – Betrieben ist ein Zeugnis gar nicht wichtig, sondern es zählt bei ihnen die Schülerpersönlichkeit. Die Schülerinnen und Schüler müssen Motivation, Interesse an dem Tätigkeitsfeld und „Biss“ mitbringen bzw. „einen langen Atem haben“, damit sie eine Ausbildung erfolgreich abschließen. Darüber sagen Noten oft nichts aus, auch weil die Ausbildung vermutlich lediglich schulische Inhalte streift. Meinen Schülerinnen und Schülern empfehle ich deshalb immer, sich im Praktikum zu empfehlen, wenn Noten nicht das erste Kriterium sind, mit denen sie sich bewerben müssen.
Ziffernoten benötigt man also nicht unbedingt, aber Maßstäbe und Kriterien – im Idealfall welche, die unabhängig von der Lehrkraft sind – braucht man schon, um Schülerleistungen beurteilen und damit vergleichen zu können. Eine Schule ohne Bewertungsgrundlagen und Zeugnisse kann ich mir nicht vorstellen, denn dadurch müssten sich die Betriebe und Universitäten neue Methoden erarbeiten, anhand derer sie die Schülerinnen und Schüler identifizieren können, die ihrer Ansicht nach zu ihnen passen. Der Blick auf ein Notenbild oder das Ausrechnen des Durchschnitts ist in diesem Fall ein ressourcenschonendes sowie unkomplizierteres Unterfangen.
Im Blog 6.2 möchte ich darauf eingehen, wie man Deutschaufsätze beurteilen kann und welche Vor- und Nachteile die Methoden haben.
Fußnoten:
[1] Siehe zur Notenbeurteilung § 6 Allgemeine Beurteilung, Noten für Verhalten und Mitarbeit, Bemerkungen IN: https://www.landesrecht-bw.de/bsbw/document/jlr-NotBildVBWrahmen, entnommen am 25.08.2025
[2]Siehe dazu die Notenverordnung § 7 Allgemeines IN: https://www.landesrecht-bw.de/bsbw/document/jlr-NotBildVBWrahmen, entnommen am 25.08.2025
[3] Es gibt auch Berechnungen für die Noten im Internet. Siehe z. B.: https://www.lehrerfreund.de/notenschluesselrechner/ergebnis, entnommen am 23.08.2025
[4] Vgl. Kerber, Barbara: Dilemma der Noten. In:https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/213307/das-dilemma-mit-den-schulnoten/, entnommen am 22.08.2025
[5] Vgl. Kerber, Barbara: Dilemma der Noten. In:https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/213307/das-dilemma-mit-den-schulnoten/, entnommen am 22.08.2025
[6] Siehe zur Notenbeurteilung § 8 Klassenarbeiten, schriftliche Wiederholungsarbeiten, IN: https://www.landesrecht-bw.de/bsbw/document/jlr-NotBildVBWrahmen, entnommen am 25.08.2025
[7] Vgl. Kerber, Barbara: Dilemma der Noten. In: https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/213307/das-dilemma-mit-den-schulnoten/, entnommen am 22.08.2025
[8] Vgl. Kerber, Barbara: Dilemma der Noten. In: https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/213307/das-dilemma-mit-den-schulnoten/, entnommen am 22.08.2025
Quellen
Internet
Formel zur Berechnung der Note (bei Punktzahl): https://www.lehrerfreund.de/notenschluesselrechner/ergebnis, entnommen am 23.08.2025
Verordnung des Kultusministeriums über die Notenbildung (Notenbildungsverordnung, NVO)
Vom 5. Mai 1983, IN: https://www.landesrecht-bw.de/bsbw/document/jlr-NotBildVBWrahmen, entnommen am 25.08.2025