Differenzierung ist diffizil!

Was versteht man unter dem Begriff der "Differenzierung"?

Aus meiner Sicht soll die Differenzierung dafür sorgen, dass alle Schülerinnen und Schüler mit denen ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen (Motivation, Kognition, Konzentration, Lese- und Leistungsfähigkeit, Lern- und Schreibtempo etc.) die zuvor festgelegten Lehrziele erreichen können. Da Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Lernvoraussetzungen und Interessen mitbringen, kann man sie nicht „über einen Kamm scheren“, denn dadurch würde man nur einem (kleinen) Teil der Schülerinnen und Schüler – vermutlich denen, die im Durchschnitt mit ihren Lernvoraussetzungen liegen – gerecht werden. Zu differenzieren bedeutet folglich, dass sich die Schülerinnen und Schüler den Lehrzielen auf unterschiedliche Arten, die die Lehrkraft zur Verfügung stellen muss, nähern. Grundbedingung dabei ist, dass alle Schülerinnen und Schüler fähig sind, durch die entsprechenden Differenzierungen die Ziele zu erreichen.

Es gibt in der Unterrichtsorganisation innere, äußere, horizontale und vertikale Differenzierungen. Darüber hinaus lassen sich auch Differenzierungen in didaktischer und methodischer Hinsicht unterscheiden. Beispielsweise kann man eine Differenzierung in Bezug auf die Individualisierung von Aufgaben, die Strukturierung von Lernsequenzen oder eine zeitliche Fixierung vornehmen.[1]

Ziele des Blogs

In diesem Blog wird erklärt, wo Differenzierungen im Unterricht zum Einsatz kommen, wieso Differenzierungen in jedem Unterricht – nicht nur an einem SBBZ oder in der Inklsuion – essentiell sind und warum Differenzierungen die „Kür“ der Unterrichtsplanung darstellen.

Was konkret bedeuten Differenzierungen im Unterricht?

Differenzierungen kommen immer dort zum Einsatz, wo die Lernenden nicht im Gleichschritt lernen und arbeiten, also eigentlich immer! Im Grunde gleicht kein Schüler dem anderen, was erfordert, dass man sich als Lehrkraft überlegt, auf welche Weise sie / er eine Aufgabe bzw. ein Ziel mit ihren / seinen Ressourcen lösen bzw. erreichen kann. Dazu muss man sich allerdings zuvor im Klaren darüber sein, wo die Stärken der Lernenden / des Lernenden liegen und was für sie / ihn herausfordernd sein kann. Je besser man seine Schülerinnen und Schüler kennt, desto mehr gelingt die passende Einschätzung des Anforderungsniveaus. Es bleibt jedoch ein schwieriges Unterfangen.

Darauf dass Differenzierungen notwendig sind, wenn man alle Schülerinnen und Schüler gleichberechtigt behandeln möchte, macht ein Cartoon aufmerksam, bei dem vor einem Pult Ziege, Robbe, Elefant, Pinguin, Affe und Rabe stehen. Sie erhalten von der Lehrkraft folgende Aufgabe: „Um eine faire Auswahl treffen zu können, muss jeder die gleiche Prüfung bestehen: Klettern Sie auf diesen Baum!“[2] Man sieht es dem Bild bereits an, dass aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen nichts fair an dieser Aufgabe ist. Affe und Rabe werden sie im Gegensatz zu ihren Mitstreitern erfolgreich absolvieren, wobei bedacht werden muss, dass der Affe wirklich auf den Baum klettert, was dem Raben nicht möglich ist, da er nur fliegen kann. Hierbei zeigt sich, dass von sechs Individuen, zwei die Angelegenheit meistern werden – der Rabe bedient sich jedoch aufgrund seiner körperlichen Merkmale einer anderen Methode als vorgegeben. So sind die Ausgangslagen schwierig und es ist von vorneherein klar, dass der Affe der Gewinner sein wird. Für die Tiere, die weder klettern noch fliegen können, wäre zur Zielerreichung notwendig, geeignete Hilfsmittel zu erhalten. So könnten Ziege, Robbe und Pinguin eventuell über eine Rampe auf den Baum gelangen, was jedoch nicht der Fortbewegungsart „Klettern“ zugeordnet werden kann. Für den Elefanten wird die Aufgabe aufgrund seiner Statur und seines Gewichtes nicht lösbar sein. 

Aus diesem Cartoon wird schnell ersichtlich, dass es wichtig ist, auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler einzugehen und ihnen mit pädagogischen sowie didaktischen Maßnahmen „unter die Arme“ zu greifen. Gelingt dies nicht, wird man sie im schulischen Geschehen „verlieren“ (schlechte Noten, Unterrichtsstörungen, Schulabsentismus etc.). 

Man muss sich als Lehrkraft während der Unterrichtsplanung folglich die Frage stellen, ob es legitim ist, ein und dieselbe Aufgabe unterschiedlichen Individuen zu stellen, von denen sie weiß, dass nicht alle sie lösen können werden, da sie über ungleiche Ressourcen verfügen. 

Welche Methoden sind zur Differenzierung geeignet?

Aufgaben lassen sich auf unterschiedliche Weise differenzieren. So kann man Aufgaben nach Anforderungsniveau (komplexe Schwierigkeiten, Grad der Selbstständigkeit, Vorerfahrungen), Interesse, Motivation, Umfang, Zeitvorgabe, Hilfestellungen, Kollaboration mit Mitschülerinnen und Mitschülern und Arbeits- sowie Lerntempo staffeln. Man kann mit dem Einsatz verschiedener Medien (MindMap, Rätsel, Textauszüge, digitale Apps) arbeiten. Individuell lernen die Schülerinnen und Schüler, wenn sie in ein Projekt eingebunden sind oder auch wenn sie frei arbeiten können – z. B. in einem Lernzirkel oder mit einem Wochenplan.[3]  Meines Erachtens sind die Methoden zu wählen, bei denen Schülerinnen und Schüler Spaß und Freude an der Auseinandersetzung mit den zu lernenden Inhalten haben. Dabei ist darauf zu achten, dass sie sich weder zu leichte noch zu schwere Aufgaben aussuchen oder von der Lehrkraft zugeteilt bekommen. Es gibt unzählige Methoden, die zum Erreichen der Lehrziele führen. 

Was verbirgt sich hinter den Begriffen „zieldifferent“ und „zielgleich“ und wo spielen sie eine Rolle?

Während an den allgemeinen Schularten zielgleich unterrichtet wird, gibt es an Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren sowie in der Inklusion mit den Förderschwerpunkten Lernen und Geistige Entwicklung (GENT) zieldifferenten Unterricht[4]. 

Werden Schülerinnen und Schüler mit dem Anspruch auf ein sonderpädagogisches Bildungsangebot an einer allgemeinen Schule inklusiv unterrichtet, können sie wählen, ob sie zielgleich oder zieldifferent beschult werden. Im Idealfall erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler den gleichen Bildungsgegenstand, jedoch auf unterschiedlichen Niveaustufen, was voraussetzt, dass den Schülerinnen und Schülern bedarfsgerechte Unterrichtsangebote unterbreitet werden. Die zieldifferente Leistungsbewertung für Schülerinnen und Schüler richtet sich an den im Rahmen der individuellen Lern- und Entwicklungsbegleitung festgelegten Entwicklungs- und Bildungszielen auf der Grundlage des Bildungsplans für den jeweils festgelegten Förderschwerpunkt und nicht an den starren Vorgaben des Bildungsplans der allgemeinen Schule.[5]

Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es zwischen Differenzierungen und sonderpädagogischen Maßnahmen?

Unter Differenzierungen fallen alle Maßnahmen, die dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler erfolgreich die vorgegebenen Lehrziele erreichen. Dazu werden auf den einzelnen Schüler abgestimmte Methodenangebote gewählt. 

Gerade in der Sonderpädagogik sind Differenzierungen unerlässlich. Ist die Differenzierung aufgrund der Einschränkung notwendig, so handelt es sich um eine sonderpädagogische Maßnahme. Erhalten dürfen diese speziellen Angebote Schülerinnen und Schüler mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf, der zuvor von einer Sonderschullehrkraft festgestellt wurde. Das Ergreifen der Maßnahmen dient einem erfolgreichen Schulbesuch, der ohne Hilfsmaßnahmen nicht möglich wäre. Beispielsweise arbeiten meine Schülerinnen und Schüler am Laptop, da sie wegen ihrer fehlenden Motorik in den Fingern nicht schreiben können. Sie dürfen sich auch eines digitalen Diktierprogramms bedienen oder erhalten eine Schreibassistenz, wenn die Finger bzw. Hände stark eingeschränkt sind. Es gibt allerdings auch schwere Geodreiecke oder Stifte mit einer Art Manschette, die dafür sorgt, dass man ihn nicht filigran beim Schreiben greifen muss. Eine sonderpädagogische Maßnahme ist auch, dass ein Schüler sich auf eine Liege im Klassenzimmer legt, wenn er starke Rückenschmerzen hat.

Sonderpädagogische Maßnahmen, die dafür sorgen, dass die Einschränkungen während des Schreibens von Arbeiten ausgeglichen werden, werden in der Klassenkonferenz im Rahmen des Nachteilsausgleichs abgestimmt. Dazu gehören u. a. Zeitverlängerungen, Schreibassistenz, Schreiben am Laptop sowie Vergrößerungen der Arbeitsblätter[6].

Wieso stellen Differenzierungen die Kür des Unterrichts dar?

Es wurde in den Ausführungen sicherlich deutlich, dass die Differenzierung ein sehr zentrales Thema in der Unterrichtsplanung ist. Sie setzt voraus, dass man als Lehrkraft an den Schülerinnen und Schülern ein echtes Interesse hat, das dazu führt, dass man über ihre Stärken und Schwächen Bescheid weiß und demensprechend die Anforderungen stellt, Texte kürzt bzw. vereinfacht, für die schnelleren Schülerinnen und Schüler weiteres Material zur Verfügung hat etc. Von der Lehrkraft erfordert es die Haltung, dass sie davon ausgeht, dass jede Schülerin / jeder Schüler lernen möchte – es aber nur wirklich tun kann, wenn sie / er vom Unterrichtsthema angesprochen wird, sie / er es versteht und weiß, was zu tun ist.

Will man jeder Schülerin / jedem Schüler gerecht werden und seinen Unterricht perfekt differenzieren, wird man „seines Lebens nicht mehr froh“ werden. Das Konzipieren von Unterrichtsstunden ist äußerst zeitintensiv – wenn man nun für fast jeden Schüler Veränderungen am Text (z. B. Definitionen vornehmen, Wörter vereinfachen) und Aufgabenstellungen variieren möchte, so wird man mit den Vorbereitungen nicht fertig. Zwar kann man die KI zu Hilfe nehmen, aber auch was sie produziert, muss überprüft werden und das Formulieren eines zweckdienlichen Prompts ist mit großen Herausforderungen verbunden. Auch wenn es die perfekte Differenzierung im Unterricht nicht gibt, sollte man sich auf jeden Fall um diese bemühen!

Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Differenzierungen ermöglichen den Schülerinnen und Schülern ihr gesamtes Potential zu entfalten. Es ist folglich wichtig, dass man theoretisch für alle Phasen Differenzierungsmöglichkeiten konzipiert, sodass die Schülerinnen und Schüler am meisten lernen. Oder anders ausgedrückt – mit dem folgenden Zitat eines unbekannten Verfassers: „Die Aufgabe eines Lehrers ist es, den Schülerinnen und Schülern zu helfen, das Beste aus sich herauszuholen.“ 

Leider sind der Lehrkraft in der Hinsicht oft die Hände gebunden, denn es dauert eine Weile bis man die Ressourcen einer Schülerin / eines Schülers richtig einschätzen kann. Zudem bündelt eine perfekte Differenzierung aller mit Unterricht behandelten Materialien und Methoden äußerst viel Zeit, sodass das Differenzieren zwar eine wirklich lobenswerte und sinnvolle Sache ist, in der Realität aber eher wenig zum Tragen kommt. Aus diesem Grund differenziere ich meist über die Zeit(zugaben). Schnellere Schülerinnen und Schüler erarbeiten sich Zusatzaufgaben. Diese Differenzierungsmethode baue ich nach Möglichkeit in meinen täglichen Unterricht ein. 

Darüber hinaus muss man lange Lehrkraft sein, um richtig analysieren zu können, wieso sich ein Schüler beim Lernen schwertut. Kenntnisse über das Ergreifen passender Maßnahmen aufgrund der richtigen Analyse runden die Professionalität einer Lehrkraft ab. 

Wichtig ist zudem, dass die Lehrkraft eine wertschätzende und verständnisvolle Haltung gegenüber ihren Schülerinnen und Schülern einnimmt und sie mit ihren Fragen und Herausforderungen ernstnimmt. Nichts ist für eine Schülerin / einen Schüler – und im Übrigen auch für die Lehrkraft schlimmer – als herausgefordert zu werden und nicht zu wissen, wie man sich dieser Situation stellt. Das thematisiert auch die Gruppe SDP in ihrem Lied „Wenn einfach so einfach wär“ fest: 

„Sie sagen: ´Reiß dich einfach zusamm′n, streng dich doch einfach ma' an´ 

Einfach wie das Einmaleins, wenn man nur bis drei zähl′n kann.“[7]

Man darf also nie den Fehler machen, von sich auf andere zu schließen. Denn nur weil einem das Einmaleins leichtfällt, heißt es nicht, dass jemand anderes auch über solch ein Zahlenverständnis oder Wissen wie man selbst verfügt.
 

Quellen

Tenorth, Heinz-Elmar/Tippelt, Rudolf (Hrsg.) (2012): Beltz Lexikon. Pädagogik. Beltzverlag, Weinheim und Basel 

 

Internet

Grundbegriffe der Differenzierung

https://av.tg.ch/public/upload/assets/10191/GrundbegriffeDerDifferenzierung.pdf, entnommen am 11.08.2025

Zum Cartoon:

https://www.grundschulpaedagogik.uni-bremen.de/archiv/traxler+karikatur+gleichheit+freiheit.pdf, entnommen am 11.08.2025

Zur Zieldifferenz:

https://ma.schulamt-bw.de/,Lde/Startseite/Themen+_+Schularten/Zieldifferenter+Unterricht, entnommen am 11.08.2025

Zur Differenzierung:

https://www.schule-bw.de/faecher-und-schularten/sprachen-und-literatur/deutsch/unterrichtseinheiten/differenzierung/index.html/reader_view, entnommen am 11.08.2025

Lied von SDP:

https://www.songtexte.com/songtext/sdp/wenn-einfach-so-einfach-war-g5b721f00.html, entnommen am 11.08.2025

 

Weiterführende Literatur

Differenzierung GEW:

https://www.gew-bw.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=53321&token=f35d1780dbff72d85445168b87cde8f7c699f2cb&sdownload=&n=UP2_2017_Web.pdf, entnommen am 11.08.2025

Zum Nachteilsausgleich:

https://km.baden-wuerttemberg.de/de/schule/berufliche-bildung-1/schulartuebergreifende-themen/inklusion/nachteilsausgleich-und-deckung-des-foerderbedarfs, entnommen am 11.08.2025

https://lehrerfortbildung-bw.de/st_inklusion/fb1/8-mat/02a_KurzinfoNTA.pdf, entnommen am 11.08.2025

Verwaltungsvorschrift für Kinder und Jugendliche mit besonderem Förderbedarf und Behinderungen

https://www.landesrecht-bw.de/bsbw/document/VVBW-VVBW000003010, entnommen am 11.08.2025

 

 

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