Beziehungen und ihre Grenzen

Empathie als Schlüssel

Letztens habe ich den Film „Catweazle“ mit Otto Walkes geschaut. Zufällig bin ich nach den Nachrichten noch vor dem Fernseher sitzengeblieben. Im Nachhinein fand ich die Botschaft des Filmes, die er für mich hatte, grandios. In dem Film geht es um einen Magier aus dem 11. Jahrhundert, der sich aus Versehen, in unsere Zeit verirrt. Er muss sich nun mit den modernen Dingen des alltäglichen Lebens auseinandersetzen. So zeigt er sich sehr von der Elektrizität beeindruckt – es fasziniert ihn, dass sein jugendlicher Freund mit einem Schalter das Licht an- und ausmachen kann. Darüber hinaus weigert sich der Magier, Auto zu fahren, kennt keine Handys und ist überrascht, dass es „Wasserquellen“ bzw. Wasser aus Wasserhähnen gibt. Sein Freund hätte ihn für verrückt erklären können, denn der Magier ist wie ein Obdachloser gekleidet, spricht teilweise altbacken, führt eine Gröte mit sich und sucht darüber hinaus seinen Zauberstab, ohne den er nicht mehr in die Vergangenheit reisen kann. Auf den ersten Blick ist das Verhalten des Magiers für den Jungen sowie die Zuschauerinnen und Zuschauern absolut befremdlich. In der Welt des Magiers macht es allerdings Sinn. Glücklicherweise lässt sich sein Freund auf seine Welt ein, nimmt ihn ernst und verhilft ihm deshalb zuletzt zu seinem Zauberstab, mit dem er in die Vergangenheit zurückreisen kann.

Mir hat die Geschichte der beiden Protagonisten aufgezeigt, dass es essentiell sein kann, seinen Standpunkt zu verlassen, um andere zu verstehen. So ist das auch manchmal im Umgang mit unseren Schülerinnen und Schülern: Was sie erzählen, macht vielleicht auf den ersten Blick keinen Sinn (für uns!), versetzt man sich jedoch in ihre Lage und zeigt Empathie, erkennt man auf den zweiten Blick, wieso sie nachvollziehbar u. a. ihre Ansichten, Bitten und Wünsche haben. 

Ziel des Blogs

Es fällt mir nicht leicht, zusammenzufassen, was mir in der Beziehung zu meinen Schülerinnen und Schülern, deren Eltern und meinen Kolleginnen und Kollegen wichtig ist und worauf ich achte. Ich unternehme hier den Versuch, das auszudrücken, was ich darüber denke. Und es ist auch gar nicht so leicht, das zu leben, was ich hier aufschreibe.

Wieso sind Beziehungen so wichtig?

Wir alle wollen von anderen geliebt und geschätzt werden. Dazu gehört auch, dass wir von ihnen wahr- sowie ernstgenommen werden. Für unsere tägliche Arbeit bedeutet das, dass wir den Schülerinnen und Schülern zuhören müssen und versuchen, sie zu verstehen. Dass wir ihnen Fragen stellen, deren Antworten uns wirklich interessieren und die wir in unserem Gedächtnis später wieder abrufen können. Essentiell ist auch, Vertrauen zwischen uns und den Schülerinnen und Schülern aufzubauen. Das gelingt uns u. a. dadurch, dass wir vertraulich mit uns zugetragenen Inhalten umgehen. Es ist wichtig, dass wir empathisch sind und uns zumindest versuchen, in die Lage der Schülerin/des Schülers zu versetzen. Nur aus dieser Haltung heraus, können wir bestimmte Verhaltens- und Denkweisen verstehen. 

Diese Einstellung gilt natürlich auch für den Umgang mit Eltern sowie Kolleginnen und Kollegen.

Alle haben ein Päckchen zu tragen

Wir alle haben unsere persönlichen „Päckchen zu tragen“. In diesem Fall steht „das Päckchen“ z. B. für unsere Biographie oder auch die Einschränkungen unseres Körpers. Es verkörpert persönliche Herausforderungen, die es zu bewältigen gibt oder mit denen man im Alltag umgehen muss. Es gibt niemanden, der keine Schwierigkeiten in seinem Leben zu meistern hat. Meines Erachtens ist die Größe der Päckchen unter uns Menschen nicht gleichmäßig bzw. fair verteilt. Einige haben sehr große Päckchen mit sich zu schleppen, andere haben eher kleine bei sich. An der Päckchengröße lässt sich meist nicht viel ändern. Wir Lehrkräfte haben deshalb die Aufgabe, so gut wie möglich, die Päckchen mitzutragen – Last von den Schülerinnen und Schülern zu nehmen, wenn es uns im Rahmen unserer professionellen Ressourcen möglich ist. Leider überschreiten manche Hilfsmaßnahmen unsere Grenzen als Lehrkräfte, sodass wir nicht immer helfen können, auch wenn wir es wollen. Diese Grenze gibt uns die Sicherheit, nicht für alles verantwortlich zu sein und die Kraft, dass es in Ordnung ist, Themen an andere Professionen weiterzugeben. Wenn es beispielsweise im Elternhaus eines Schülers Probleme gibt, sodass er sich nicht mehr auf die Schule konzentrieren kann, so ist das aus meiner Sicht eine Situation, die von einer Schulsozialarbeiterin geklärt werden muss. Es würde die Beziehung zwischen Lehrkraft und seinen Eltern bzw. dem Schüler stören, wenn sie zu nah am familiären Geschehen teilhat. Damit die Beziehung nicht so nah ist, nehme ich auch immer Pflegekräfte für meine Schülerinnen und Schüler mit, obwohl ich während Ausflügen vermutlich auch bei Toilettengängen behilflich sein könnte. Dadurch würde ich jedoch in einen sehr persönlichen Bereich meiner Schülerinnen und Schüler eindringen, was für unsere Beziehung nicht gut wäre. Meine Schülerinnen und Schüler möchten nicht, dass ich ihnen bei ihrer Pflege assistiere, was ich gut nachvollziehen kann.

Man muss wissen, wo die eigenen professionellen Grenzen sind und gegebenenfalls auch fragen, ob sich die Schülerinnen und Schüler bestimmte Dinge wünschen oder auch nicht. Es hat mich sehr geehrt, dass sich meine Klasse letztens mit mir abends außerschulisch zum Essen verabredet hat. Sie hätte sich nicht mit mir treffen müssen. Wir hatten einen wunderschönen Abend, den wir wiederholen werden.

Was tun, wenn die Schülerin/der Schüler keine Beziehung zu mir aufbauen möchte?

Man kann meines Erachtens nicht zu allen Schülerinnen und Schülern eine stabile Beziehung aufbauen und die Beziehungen zueinander sind so individuell wie die Schülerinnen und Schüler einer Klasse. Es liegt an ihnen, wie viel Nähe sie zulassen und welche Inhalte sie einem anvertrauen. Ich finde es wichtig, täglich an dem Beziehungsaufbau mit allen Schülerinnen und Schülern zu arbeiten, auch wenn man mit seiner Art leider nicht alle ansprechen und erreichen kann. Das muss man akzeptieren, auch wenn es nicht leicht ist. Auch wir Lehrkräfte wollen von den Schülerinnen und Schülern gemocht werden.

Die eigene Haltung

Im Laufe meines Berufslebens wird mir immer mehr bewusst, dass ich mich mit meinen Einstellungen und Ansichten zurückhalten muss und Situationen nicht aus meiner Sicht bewerten oder gar lösen darf. Denn alle Menschen agieren „im Rahmen ihrer Möglichkeiten“. Hinter den Möglichkeiten verbergen sich für mich Fähigkeiten, Fertigkeiten sowie Ressourcen. Hier gibt es von kleinen bis zu großen Rahmen alle Eventualitäten. Durch das Erlangen oder den Ausbau zusätzlicher Erfahrungen, Kompetenzen und eines Wissenszuwachses erweitert sich der persönliche Rahmen. 

Das bedeutet konkret, dass die Lösungsmechanismen, mit denen ich eine Herausforderung angehen würde, nicht unbedingt die meiner Schülerin/meines Schülers sind. Auch Tipps für Eltern, die ich für richtig halte, passen vielleicht nicht zu ihnen oder dem, wie sie agieren können. Dieses Phänomen kennen wir aus unserem Alltag – nämlich dann, wenn wir (teilweise sogar ungefragt) Ratschläge von Kolleginnen und Kollegen zum Optimieren unseres Unterrichts oder zum Agieren mit einem Schüler erhalten. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Schülerinnen sowie Schüler und auch deren Eltern selbst Lösungen für bestimmte Herausforderungen entwickeln. Wir Lehrkräfte sollen sie beim Prozess der Lösungsfindung und auch bei der Umsetzung unterstützen, allerdings nur nach unseren professionellen Möglichkeiten. 

Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Alle Menschen wollen geliebt werden – wir, unsere Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und auch unsere Kolleginnen und Kollegen. Deshalb kann man davon ausgehen, dass sich niemand mit Absicht „böse“ jemand anderem gegenüber verhält. Oft kann man nicht „über seinen Schatten springen“, denn wir sind wie wir sind und können uns nur schwer ändern. Wir alle haben bestimmte Herausforderungen im Leben zu bewältigen, für die uns unterschiedliche Ressourcen zur Verfügung stehen. Wichtig ist bei allem, was wir beurteilen und tun, dass wir uns in die Lage der Person hineinversetzen, die gerade aus unserer Sicht etwas tut, wie wir es nicht getan hätten. Unsere Sichtweise ist jedoch nicht „das Maß der Dinge“. Wir müssen die Person annehmen und durch Empathie verstehen, wieso sie so agiert und sie bestärken und unterstützen, auch wenn wir einen anderen Weg eingeschlagen hätten. 

An Beziehungen muss gearbeitet werden. Sie brauchen Vertrauen, Wertschätzung sowie ein Angenommensein – egal, um welches Thema es sich handelt. Nicht immer gelingt es einem, zu jeder Schülerin und zu jedem Schüler eine vertrauensvolle Beziehung zu entwickeln. Man sollte jedoch trotzdem weiterhin an dem Ziel arbeiten.

Bei allem, was man als Lehrkraft tut, ist es wichtig, auch mal einen Schritt zurückzutreten und nicht von sich auf andere zu schließen. Zudem sind die endlichen Grenzen unserer Professionalität zu akzeptieren.

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